Riccardo Cassin, l'alpinista concreto
Riccardo Cassin

Riccardo Cassin (1909-2009): mehr als nur ein Alpinist, eine Berglegende. Ein Mann weniger Worte, der einem in die Augen sah und lächelte. Ein Gesicht, das die Geschichte eines Lebens und eines Lebensstils erzählte: Cassin hat niemals vor Schwierigkeiten haltgemacht. Kein unnützes Geschwätz: Der Gedanke diente für Cassin stets der Aktion. Cassin erforschte die Berge mit den Augen und bestieg sie, wie eine Klettermaschine.

War es die Zeit, die ihn einsilbig werden ließ? Nein. Riccardo war immer schon so. 1934, nach dem Aufstieg der Comici an der Nordwand der Drei Zinnen, ließ er den für ein Interview gekommenen Reporter notieren, dass das Schreibwerkzeug mit ihm überflüssig sei. Da brauchte es schon einen Korkenzieher … Derselbe Reporter jedoch schuf dann in drei Zeilen ein perfektes Portrait: „Ein in jeder Hinsicht kompletter Athlet – physisch stark, wendig, vorsichtig und ruhig, sowohl in den extrem schwierigen Stellen als auch in den unerheblichen – er scheint allem, was sich auf seine außergewöhnlichen Gaben und brillanten Unternehmungen bezieht, fremd. Cassin scheint sich selbst zu vernachlässigen und diese Nachlässigkeit grenzt zuweilen an Naivität“.

Wieder in den drei Zinnen, wenige Tage vor der Nordwand der Großen Zinne, entweihte Cassin auch die Südostwand der Kleinsten Zinne. 1935 folgte die zweite Begehung der Comici an der Nordwestwand der Civetta, das Unternehmen an der Südostkante des Torre Trieste und die Lösung des großen Problems der Überhänge der Nordwand der Westzinne der Drei Zinnen. Hier waren bereits siebenundzwanzig andere Prätendenten gescheitert. Cassin und Vittorio Ratti durchstiegen die Wand auf Anhieb und lösten jene berühmte Querung. Auf der anderen Seite angelangt, gab es kein zurück mehr. Das Wesen dieses Individuums war klar: “Wo er einsteigt, hinterlässt Cassin seine Spur. Das Unmögliche mit Durchsetzungswillen angehen, ohne Zögern oder Umkehren, das ist seine Art”.

1937 war die Nordostwand des Pizzo Badile an der Reihe und 1938, zwischen dem 4. und 6. August, entstand das Meisterwerk. Für viele ein Wendepunkt in der Geschichte und in der Evolution des Alpinismus: die erste Begehung des Walkerpfeilers durch die Nordwand der Grandes Jorasses, im Massiv des Mont Blanc. In drei Tagen erreichten Cassin, Ugo Tizzoni und Luigi Esposito den Gipfel und zerstieben so die Ängste jener, die mehrere Versuche gewagt hatten, ohne jemals den Mut aufzubringen, bis aufs Letzte mit konkreten Aktionen zu riskieren. Cassin, der auch dank seiner eigenen wunderbaren Haken den vereisten Granit bezwang, stieg mit schweizerischer Präzision und Pünktlichkeit durch die Wand. Unmöglich, diese Maschine aufzuhalten, diese perfekte Seilschaft, die aus dem Nichts der Arbeiterwelt von Lecco kam.

1958 führte Cassin die Expedition auf den Gasherbrum IV an und am 6. August, exakt zwanzig Jahren nach seinem Erfolg am Walker, erreichten seine Schutzbefohlenen Carlo Mauri und Walter Bonatti den Gipfel jenes 7925 m hohen Giganten. Aus dem Jahr 1961 stammt das Unternehmen an der Südwand des McKinley – ein kollektiver Erfolg mit allen Expeditionsteilnehmern auf dem Gipfel. 1975 hingegen kommt es nach dem schönen Sieg im Jahr 1969 auf dem Jirishanca zum einzigen Verzicht in der Karriere des ungebändigten Riccardo. Es handelte sich um die Südwand des Lhotse, die erst 1990 bezwungen werden sollte; sie zwang das Team, unter anderem mit Reinhold Messner, Alessandro Gogna, Ignazio Piussi, Giuseppe “Det” Alippi und Mario Curnis zur Kapitulation.

Über Cassin zu erzählen, bedeutet vom Klettern zu erzählen, von puren Aktionen: unser Protagonist liebte es, jede einzelne Kletterei zu wiederholen, in seiner Erinnerung hatte jede einen speziellen Platz. Der „große Alte“, der in der kollektiven Vorstellung für immer den heroischen Alpinismus einer vergangenen Zeit verkörpern wird, einen Alpinismus bestehend aus von Hand geschmiedeten Haken, Trittleitern und Hanfseilen. Dieser Alte hat den Jüngeren immer zugelächelt, hat sie ermutigt und unterstützt, damit sie niemals aufgeben. Denn er, wenn er sich in die von allen diskutierten Wänden begab, hielt immer durch und gab sein Bestes. Und die Applause für seine idealen Interpretationen der allgemein unmöglich erachteten Unterfangen ließen niemals auf sich warten.

Für Cassin war der Berg etwas sehr konkretes, wo sich die Hände auf die Suche nach guten Griffen machten und die Augen die Wand erforschten, jene Kräuselungen fanden, in die der Haken eingeschlagen wurde. Es war eine Herausforderung, eine Prüfbank, und wie Riccardo liebend gern sagte, eine strenge Lebensschule. „Fürs Bergsteigen”, sagte er eines Tages, „braucht es Hingabe, eine große Hingabe, denn Bergsteigen bedeutet Mühe und Opfer. Aber der Gipfel belohnt auch mit Genugtuung…

Riccardo Cassin

Wer mich fragt, wohin der Alpinismus führen wird, dem antworte ich einfach: Auf den Berg. Nur das zählt wirklich. Alles andere kommt einfach dazu”.